Wir kaufen Surface-Laptops für 2.000 Euro, wir haben 120Hz-Displays und ARM-Chips, die effizienter sind als je zuvor. Und doch fühlt sich jede Interaktion mit Windows 11 an, als würde man einen Sportwagen mit eckigen Reifen fahren. Es ist Zeit, über den Elefanten im Raum zu sprechen: Die miserablen Animationen von Windows.
Ein Kommentar von Pino
Microsoft preist Windows 11 als das modernste Betriebssystem aller Zeiten an. „Fluid Design“, abgerundete Ecken, Transparenz-Effekte. Alles sieht auf statischen Screenshots wunderschön aus. Aber Software ist nicht statisch. Software muss sich bewegen. Und genau in dem Moment, wo wir Windows anfassen – im wahrsten Sinne des Wortes per Trackpad – fällt die Fassade zusammen wie ein Kartenhaus.
Der 4-Finger-Offenbarungseid
Jeder Mac-User kennt dieses Gefühl: Man legt die Finger auf das Trackpad, wischt zur Seite, und der virtuelle Desktop klebt förmlich an den Fingerspitzen. Es ist eine 1:1-Bewegung. Wenn ich langsam wische, bewegt sich das Bild langsam. Wenn ich loslasse, federt es organisch zurück oder gleitet sanft aus. Es fühlt sich echt an.
Und unter Windows? Da herrscht das Prinzip „Hoffnung und Täuschung“.
Versucht das mal auf eurem High-End-Laptop: Wischt mit vier Fingern zum nächsten Desktop. Was seht ihr während der Wischbewegung? Seht ihr eure Taskleiste? Nein. Seht ihr eure App-Icons? Nein. Seht ihr den Inhalt der Fenster auf dem anderen Desktop? Oftmals Fehlanzeige.
Was ihr seht, ist eine Geisterstadt. Windows zeigt euch während der Animation lediglich das nackte Hintergrundbild des Ziel-Desktops. Keine Icons, keine Leisten, kein Leben. Erst wenn die Geste komplett beendet ist – und wirklich erst dann – „ploppen“ Taskleiste und Icons lieblos ins Bild. Als hätte das System gerade erst gemerkt: „Ups, da war ja noch was.“
Ein Verhalten, das wir bei Smartphones niemals akzeptieren würden
Stellt euch vor, ihr kauft ein iPhone oder ein modernes Android-Flaggschiff. Ihr wischt zum nächsten Homescreen, und für die Dauer des Wischens verschwinden alle Apps, das Dock ist weg, und erst am Ende taucht alles wieder auf. Die Tech-Presse würde das Gerät in der Luft zerreißen. YouTuber würden „Broken OS“-Videos drehen. Es wäre ein Skandal.
Warum akzeptieren wir bei Windows, dem meistgenutzten Desktop-OS der Welt, eine UX-Qualität, die im Mobile-Sektor vor zehn Jahren schon peinlich gewesen wäre?
Das Schlimmste daran: Es liegt nicht an eurer Hardware. Egal ob ihr ein 300-Euro-Einsteiger-Gerät nutzt oder das neueste Microsoft Surface Flaggschiff mit den besten „Precision Touchpads“ am Markt – das Verhalten ist identisch. Es ist kein Hardware-Fehler, es ist ein Design-Versagen im Kern von Windows.

Das „Potemkinsche Dorf“ der Windows-Architektur
Technisch gesehen (für die Nerds unter uns) versucht Microsoft hier Ressourcen zu sparen. Statt die benachbarten Desktops „live“ im Speicher zu halten, wird oft nur ein statischer Schnappschuss oder eben nur das Wallpaper geladen. Der Desktop Window Manager (DWM) von Windows wirkt im Jahr 2025 wie ein Relikt aus der Windows-7-Ära, auf das man hastig ein paar moderne Gesten aufgeklebt hat.
Während Apple Hard- und Software verschmilzt, wirkt Windows so, als wüsste die linke Hand (die Eingabe) nicht, was die rechte Hand (die Grafik-Engine) tut.
Hört auf, euch mit KI abzulenken, Microsoft!
Aktuell überschwemmt uns Microsoft mit „Copilot“-Features. Überall soll KI drin sein. Aber wisst ihr was? Bevor mein Computer versucht, meine Mails zu schreiben oder Bilder zu generieren, erwarte ich, dass er die absoluten Basics beherrscht.
Ein Betriebssystem definiert sich darüber, wie es sich anfühlt, es zu benutzen. Diese „Fluidity“, die Geschmeidigkeit der Bedienung, ist kein optischer Schnickschnack für Ästheten. Sie ist der Grund, warum sich ein Mac für viele Nutzer „schneller“ und „moderner“ anfühlt, selbst wenn die reine Rechenleistung auf dem Papier identisch ist.
Es ist eine Frage des Respekts vor dem Nutzer. Uns eine Animation vorzusetzen, bei der die Hälfte der Benutzeroberfläche kurzzeitig verschwindet, ist schlichtweg faul.
Fazit: Wir müssen aufhören, das zu ignorieren
Die Windows-Community leidet unter einer Art Stockholm-Syndrom. Wir haben uns so sehr an das Ruckeln, das „Aufploppen“ und die Glitches gewöhnt, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen – oder sie resigniert mit Registry-Hacks und Tools ausschalten.
Aber das darf nicht die Lösung sein. Gerade im Zeitalter von Windows on Arm, wo Geräte endlich die Akkulaufzeit und das „Instant-On“-Feeling von Tablets erreichen, muss auch die Software nachziehen.
Microsoft, wir brauchen keine neuen KI-Buttons in der Taskleiste. Wir brauchen eine Grafik-Engine, die es schafft, vier Icons und eine Leiste zu rendern, während wir wischen. Ist das wirklich zu viel verlangt?